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Reizdarm – Eine Übersicht über Ursachen, Symptome und Behandlung des Reizdarmsyndroms

Dr. Sarah Toler, CNM, DNP

Dr. Sarah Toler, CNM, DNP

Das Reizdarmsyndrom ist eine komplexe und vielschichtige Erkrankung. Hier erhältst du einen Überblick darüber, was die Erkrankung auszeichnet, welche Ursachen in Frage kommen, und was du bei einem Reizdarm tun kannst.


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Was ist Reizdarm?

Das Reizdarmsyndrom (RDS) umfasst eine Symptomgruppe funktioneller Magen-Darm-Erkrankungen. Funktionell wird eine Erkrankung genannt, wenn sich durch medizinische Untersuchungen keine körperlichen, also organischen Ursachen für die Symptome finden lassen. Im Englischen spricht man vom irritable bowel syndrome (IBS).

Viele Menschen hatten in ihrem Leben schon einmal Magen-Darm Probleme oder geben an, sporadisch einen empfindlichen Magen zu haben. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung sind hingegen vom Reizdarmsyndrom betroffen. Sie leiden unter Beschwerden wie Stuhldrang, Durchfall, Blähbauch, Blähungen, Bauchschmerzen und Verstopfung, die dauerhaft die Lebensqualität beeinträchtigen. Damit zählt das Reizdarmsyndrom zu den häufigsten funktionellen Magen-Darm-Störungen. So ist es nicht verwunderlich, dass jeder zweite Patient mit Magen-Darm-Beschwerden von einem Reizdarm betroffen ist. Das Reizdarmsyndrom kann man somit als Volkskrankheit bezeichnen, ähnlich wie beispielsweise Diabetes, Bluthochdruck und Depressionen. Es kann in allen Altersklassen vorkommen. Im Alter zwischen 10 und 30 sind Frauen doppelt so häufig betroffen wie Männer. Insgesamt leiden Frauen häufiger am Reizdarmsyndrom als Männer.

Wie entsteht Reizdarm?

Trotz umfangreicher Untersuchungen können Ärzte bei einem Reizdarmsyndrom keine eindeutige körperliche (organische) Ursache für die Beschwerden finden.

Beim Reizdarmsyndrom werden vor allem psychosomatische Zusammenhänge für die Symptome verantwortlich gemacht. “Psychosomatisch” bedeutet, dass Wechselwirkungen zwischen Körper und Psyche vorliegen. Man spricht in diesem Zusammenhang von der sogenannten “Darm-Hirn-Achse”. Psychische Faktoren wie zum Beispiel Stress können Reizdarm-Symptome verschlechtern, da über das Nerven und Stresshormone körperliche Vorgänge beeinflusst werden. Umgekehrt können auch körperliche Vorgänge auf Psyche einwirken.

Diese körperlichen Vorgänge sind zum Beispiel kleinste Entzündungen der Darmschleimhaut, ein gestörtes Immunsystem des Darms sowie Veränderungen der Bakterienzusammensetzung, der Darmflora (Mikrobiom). Ein Ungleichgewicht der bakteriellen Darmflora kann zum Beispiel durch eine starke Magen-Darm-Infektion hervorgerufen werden, sodass man in diesem Fall von einem postinfektiösen Reizdarmsyndrom spricht. Hier geht man davon aus, dass das postinfektiöse Reizdarmsyndrom eine Art “Narbe” im infizierten Darm darstellt. Die Reizdarm-Symptome können in diesem Fall über Wochen, Monate und Jahre weiterbestehen.

Außerdem wird vermutet, dass eine gestörte Funktion der Darm-Hirn-Achse eine Rolle spielen könnte. So nehmen Betroffene beispielsweise Schmerzreize aus dem Darm stärker wahr. Auch das autonome Nervensystem, das den Umgang mit Stress steuert, ist bei Reizdarm-Patienten meist überaktiv. Bei Betroffenen ist außerdem die Beweglichkeit und Aktivität (Motilität) des Darms gestört, sodass Nahrung nicht wie gewohnt verdaut und durch den Darm transportiert werden kann. Die gestörte Beweglichkeit begünstigt vermutlich auch eine bakterielle Fehlbesiedlung des Darms.

Man vermutet beim Reizdarmsyndrom auch eine gewisse Vererbbarkeit (genetische Prädisposition). Daneben spielen aber auch Faktoren auch der Umwelt eine wichtige Rolle für die Entstehung der Erkrankung.

Wieso ist Reizdarm so belastend?

Bei vielen Betroffenen drehen sich die Gedanken ständig um die körperlichen Beschwerden und beeinträchtigen dadurch ein normales Alltagsleben. Bei verstärktem Stuhldrang wird ständig Ausschau nach einer Toilette gehalten, damit diese bei Bedarf schnell aufgesucht werden kann. Es bestehen häufig Unsicherheiten und Ängste, wenn im Berufsalltag Bauchkrämpfe, Blähungen und Darmgeräusche die Arbeit erschweren. Restaurantbesuche werden wegen des Reizdarmsyndroms gemieden, da viele Nahrungsmittel Beschwerden hervorrufen. Soziale Aktivitäten werden vermindert wahrgenommen, um Problemen aus dem Weg zu gehen. Die daraus resultierende psychische Belastung kann wiederum die Reizdarm–Symptome verstärken und es entsteht ein Teufelskreis aus körperlichen und psychischen Beschwerden.

Wie wird Reizdarm diagnostiziert?

Die Reizdarm Diagnose kann bislang nur durch den Ausschluss anderer Erkrankungen gestellt werden. So sollten etwa Nahrungsmittelunverträglichkeiten und andere Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes durch genaue Untersuchungen (z.B. Darmspiegelung, Stuhluntersuchungen) ausgeschlossen werden. Ein spezifischer Test mit verschiedenen Blutparametern (Biomarkern) befindet sich noch in der Erprobungsphase. Andere mögliche Erkrankungen (Differentialdiagnosen) sollten ebenfalls durch entsprechende Tests ausgeschlossen werden.

Wurden andere Erkrankungen ausgeschlossen, fühlt sich der Betroffene in seiner Lebensqualität beeinträchtigt, und treten die belastenden Symptome über einen Zeitraum von länger als drei Monaten auf, kann man per Definition von einem Reizdarmsyndrom sprechen.

Was tun gegen Reizdarm?

Viele Betroffene fühlen sich bei Ihren Ärzten schlecht aufgehoben, weil im Praxisalltag wenig Zeit für eine angemessene Reizdarm-Therapie bleibt. Die Reizdarm-Behandlung ist zudem sehr individuell, da die Beschwerden von Person zu Person stark variieren können. Dennoch gibt es einige wirksame Behandlungsmöglichkeiten, die die Symptome von Betroffenen lindern können.

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Dabei gibt es allerdings keine Behandlungsmethode, die alleine für sich wirksam ist, vielmehr kann das Zusammenwirken verschiedener Therapiemöglichkeiten Linderung verschaffen. Die low-FODMAP-Diät hat sich als Ernährungsmaßnahme als wirksam erwiesen und lindert bei über 70 Prozent der Betroffenen die Symptome. Wichtig ist es zudem, das Bestehen von Nahrungsmittelunverträglichkeiten abzuklären und eine entsprechende Diät zu verfolgen (zum Beispiel lactosefreie Diät). Hier kann eine Ernährungsberatung hilfreich sein.

Begleitend dazu können Psychotherapie und Biofeedback, bei Stress auch Entspannungstechniken, angewendet werden. Biofeedback ist eine Technik, bei der bestimmte Körpervorgänge (“Bio”), wie beispielsweise die Herzfrequenz, sichtbar gemacht werden (“Feedback”). So kann der Betroffene üben, positiven Einfluss auf den eigenen Körper zu nehmen. Ebenso hat sich moderate Bewegung als positiv herausgestellt und auch Gespräche mit anderen Betroffenen (zum Beispiel in Selbsthilfegruppen) haben einen günstigen Effekt gezeigt. Grundsätzlich sollte die Therapie für jeden Betroffenen individuell und anders gewichtet sein, sodass ein Symptomtagebuch helfen kann, gezielt Zusammenhänge aufzudecken.

Welche Medikamente helfen beim Reizdarmsyndrom?

In den Leitlinien zur medikamentösen Behandlung werden einige Medikamente empfohlen, die verschiedene Symptome des Reizdarmsyndroms lindern können. Allen Mitteln gemein ist, dass sie lediglich Symptome lindern können, jedoch nicht die Ursache des Reizdarmsyndroms bekämpfen. Neben Probiotika, krampflösenden Substanzen und pflanzlichen Mitteln kommen vereinzelt auch Antidepressiva zur Therapie der Schmerzen beim Reizdarmsyndrom zum Einsatz.

Ist Reizdarm gefährlich?

Da die Lebensqualität von Betroffenen oft stark eingeschränkt ist, machen sich viele Sorgen, ob das Reizdarmsyndrom über längere Zeit die Lebenserwartung vermindert. Bislang konnten sich diese Befürchtungen allerdings nicht bestätigen. Diese Tatsache sollte aber auf keinen Fall dazu führen, dass Ärzte die Symptome von Betroffenen nicht ernst nehmen, denn das Reizdarmsyndrom wird von den Betroffenen belastender erlebt als manch andere chronische Erkrankung wie etwa Bluthochdruck. Vielmehr sollten durch eine Therapie auf verschiedenen Ebenen die Reizdarm-Symptome gelindert werden, um Folgeerkrankungen aus dem psychischen Bereich zu vermeiden, die durch die starke Belastung entstehen.

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