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Angststörung und Reizdarmsyndrom - was hilft ?

Dr. med. Andre Sommer

Dr. med. Andre Sommer

Angststörungen sind eine Gruppe von psychischen Krankheiten, bei denen Angstzustände im Vordergrund stehen. Angststörungen und das Reizdarmsyndrom treten häufig zusammen auf. Das ist wahrscheinlich kein Zufall: Angst scheint eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Reizdarmsyndroms zu spielen.

Doch wie genau wirkt sich Angst auf den Darm aus? Welche Verbindungen bestehen zwischen Psyche und Verdauung? Und was kann man gegen Angststörungen und Reizdarmsyndrom tun? Das erfährst du im folgenden Artikel.

Angst – was ist das überhaupt?

Jeder Mensch hat es schon einmal erlebt: Wir sehen etwas bedrohlich Wirkendes aus dem Augenwinkel oder haben einen erschreckenden Gedanken – und plötzlich fängt das Herz an stärker zu pochen, der Atem geht schneller, die Augen weiten sich, das Gesicht verzieht sich und wir spüren ein flaues Gefühl im Magen. Das ist Angst. Und nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren können wir die Auswirkungen dieses Gefühls beobachten.

Neurobiologinnen und -biologen, also Menschen die das Gehirn beforschen, konnten herausfinden wo genau dieses Gefühl ausgelöst wird – und zwar in einer Region im Gehirn, die als Mandelkern oder auf Latein Amygdala bezeichnet wird. Diese Region wird aktiv, wenn wir etwas Bedrohliches wahrnehmen. Als Reaktion auf die Bedrohung steuert die Amygdala ganz unterschiedliche Organe an, mit dem Ziel, den Körper auf eine gefährliche Situation vorzubereiten: Das Herz-Kreislauf-System wird aktiviert, die Herzfrequenz steigt, die Atmung geht schneller, die Bronchien weiten sich, die Muskeln werden angespannt und die Reflexe werden scharf gestellt. Auch das Verdauungssystem wird bei einer Angstreaktion angesteuert – dazu gleich mehr.1

Der Zweck dieser Reaktion ist aller Wahrscheinlichkeit nach, den Körper bei Bedrohung in einen Alarmzustand zu versetzen und so die Überlebenswahrscheinlichkeit in gefährlichen Situationen zu erhöhen. Wenn aber Ängste in Situationen auftreten, in denen gar keine Gefahr besteht, kann das zum Problem werden.

Was genau ist eine Angststörung?

Der Begriff Angststörung umfasst eine Gruppe von psychischen Erkrankungen, deren gemeinsames Hauptsymptom Angstzustände sind. Jeder Mensch hat ab und zu Ängste - das ist völlig normal. Treten Angstzustände so häufig und so stark auf, dass Menschen darunter leiden und nicht mehr ihrem normalen Alltag nachgehen können, bezeichnet man das als Angststörung.

Die unterschiedlichen Angststörungen unterscheiden sich vor allem durch die Situationen, in denen es zu Angstzuständen kommt. Die folgende Tabelle soll einen kleinen Überblick über verschiedene Angststörungen und, wie sie sich bemerkbar machen, geben.2

Auslöser der Angst Art der Symptome
Phobie · Spezifische, eindeutig definierte Situationen, die eigentlich ungefährlich sind

· Beispiele: geschlossene Räume (Klaustrophobie), öffentliche Räume/Verkehrsmittel (Agoraphobie), im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen (soziale Phobie)
· In den spezifischen Situationen auftretende Angst

· Unterschiedlich stark: von leichtem Unbehagen bis zur Panikattacke ist alles möglich

· Vermeidungsverhalten
Panikstörung · Keine spezifischen auslösenden Situationen, Panikattacken können in jeder Situation auftreten · Panikattacken von ca. 5-10 Minuten mit

    <code>o</code>   Angstzuständen, Todesangst

    <code>o</code>   Schwindel

    <code>o</code>   Gefühl, gleich in Ohnmacht zu fallen

    <code>o</code>   Atemnot

    <code>o</code>   Herzrasen

    <code>o</code>   Schwitzen

    <code>o</code>   Zittern
Generalisierte Angststörung · Keine spezifischen auslösenden Situationen

· Situationsunabhängig, Dauerzustand über Wochen bis Jahre
· Dauerhafte Angst, dass etwas Schlimmes passiert

· Nervosität, Unruhe

·   Schreckhaftigkeit

· Schwitzen, Zittern, Herzrasen, Mundtrockenheit

Angststörungen sind die häufigste psychische Erkrankung in Deutschland. Etwa 15-30 Prozent aller Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Angststörung. Dabei sind Frauen deutlich häufiger betroffen als Männer und junge Menschen häufiger betroffen als Alte.

Die verschiedenen Angststörungen werden grundsätzlich sehr ähnlich therapiert. Mehr zur Therapie erfährst du im Absatz „Wie können Angststörungen mit Reizdarmsyndrom behandelt werden?“ weiter unten.2

Wie hängen Angststörungen und Reizdarmsyndrom zusammen?

Zwischen 20-50 Prozent aller Menschen mit einer Angststörung leidet auch am Reizdarmsyndrom. Das heißt, das Risiko, am Reizdarmsyndrom zu erkranken, ist bei Menschen mit Angststörungen deutlich erhöht.3 Menschen mit Angststörung leiden stärker unter dem Reizdarmsyndrom, als solche ohne Angststörung: Sie leiden unter stärkeren Symptomen und ihre Lebensqualität ist stärker eingeschränkt.4 Deswegen sollten Ängste und Angstzustände unbedingt im Gespräch mit dem Arzt oder der Ärztin angesprochen werden, weil nur dann speziell auf diese Beschwerden eingengangen werden kann.

Auch die Gene scheinen ein Stück weit für den engen Zusammenhang von Angststörungen und Reizdarm verantwortlich zu sein. In genetischen Studien konnte gezeigt werden, dass Gene, die mit dem Reizdarmsyndrom zusammenhängen auch die Entstehung von Angsterkrankungen begünstigen können.5 Somit liegt die Vermutung nahe, dass beiden Erkrankungen zumindest ein Stück weit die gleiche genetische Ursache zugrunde liegt.

Tatsächlich scheint das Gefühl Angst selbst an der Entstehung des Reizdarmsyndroms beteiligt zu sein. Angst vor Schmerzen im Bauch oder Stuhlunregelmäßigkeiten führt typischerweise auch dazu, dass dem Organ, in dem Schmerzen oder Probleme befürchtet werden, größere Aufmerksamkeit geschenkt wird.6 So wird die Wahrnehmung für unangenehme Reize geschärft. Diese Überlegung wird durch Experimente gestützt, in denen ängstliche Menschen Reize im Darm eher als schmerzhaft wahrnahmen, als weniger ängstliche Menschen.7

Wie wirkt Angst auf den Darm?

Die Amygdala ist das Gehirnzentrum, dass die Angstreaktion koordiniert. Dabei beeinflusst die Amygdala viele Organsysteme: Das Herz-Kreislaufsystem und den Blutdruck, die Atmung, das Nervensystem und die Muskeln – und eben auch das Verdauungssystem.

Eine wichtige Verbindungsstrecke von Darm und Hirn bildet das vegetative Nervensystem, das selbstständig die wichtigsten Körperfunktionen regelt. Das vegetative Nervensystem besteht aus zwei Teilen, die entgegengesetzt wirken – dem Sympathikus und der Parasympathikus. Eine Aktivierung des Sympathikus führt zu einer Umstellung der unwillkürlichen Körperprozesse in einen Kampf/Flucht-Modus (englisch „fight or flight“), der Parasympathikus zu einer Umstellung in einen Ruhe-und-Verdauungs-Modus (englisch „Rest and digest“).

Die Amygdala aktiviert bei Angst den Sympathikus. Für den Darm bedeutet das, dass er erst einmal Pause hat. Die Verdauungsaktivität wird ausgesetzt, damit mehr Energie und Blutversorgung für die Muskeln da ist. Denn die Muskeln müssen ja in einer Gefahrensituation das Weglaufen oder Kämpfen ermöglichen. Am Darm äußert sich das in einer verringerten Durchblutung, einer verminderte Produktion von Verdauungssäften und einer Störung der Darmbewegungen.8

Außerdem aktiviert die Amygdala die sogenannte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, die für die Produktion und Regulation wichtiger Hormone zuständig ist. Ausgelöst durch die Amygdala wird das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet. Cortisol beeinflusst unter anderem das Immunsystem – auch im Darm. Beim Reizdarmsyndrom scheint die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse eine wichtige Rolle zu spielen.9

Interessanterweise scheinen Stress und Angst sich in dieser Hormonachse langfristig einzuschreiben: Stress in frühen Lebensphasen kann zu einer lebenslangen Überaktivierung dieser Achse und erhöhten Stresshormonspiegeln führen. Dies könnte auch den Zusammenhang von belastenden Lebensereignissen und Kindheitstraumata mit der Entstehung des Reizdarmsyndroms erklären.10

Wie können Angststörungen mit Reizdarmsyndrom behandelt werden?

Angststörung und das Reizdarmsyndrom hängen in ihrer Entstehung und Aufrechterhaltung eng miteinander zusammen. Das hat zwar leider zufolge, dass Reizdarmbetroffene mit Angststörung meist an schwereren Symptomen leiden, als solche ohne Angststörung. Auf der anderen Seite heißt das aber auch, dass die Behandlungen sich teilweise sehr ähneln und viele Behandlungsmethoden „doppelt“ wirken – sowohl gegen das Reizdarmsyndrom, als auch gegen die Angststörung.

Eine wichtige Säule der Behandlung von Angststörungen ist die Psychotherapie. In der Psychotherapie gibt es unterschiedliche Ansätze (z.B. psychodynamische Psychotherapie und kognitive Verhaltenstherapie). Bei Angststörungen ist die Verhaltenstherapie die Methode der ersten Wahl. Ein wichtiger Teil der Verhaltenstherapie ist dabei, sich den angstauslösenden Reizen auszusetzen, zu lernen, die aufkommende Angst zu kontrollieren und zu erfahren, dass von der angstauslösenden Situation keine echte Gefahr ausgeht.

Auch bestimmte Medikamente, nämlich Antidepressiva, also Wirkstoffe, die eigentlich zur Therapie von Depression entwickelt wurden, können erwiesenermaßen bei der Behandlung von Angststörungen helfen.2

Diese beiden Behandlungsansätze sind zum Glück sehr gut mit der Behandlung des Reizdarmsyndroms kompatibel. Denn sowohl für die Wirkung von Psychotherapie als auch von Antidepressiva beim Reizdarmsyndrom gibt es überzeugende wissenschaftliche Belege. Antidepressiva wirken dabei nicht nur gegen die Angststörung: Sie modulieren auch die Schmerzwahrnehmung im zentralen Nervensystem und können deshalb bei chronischen Schmerzen, zum Beispiel im Rahmen einer Arthrose, eingesetzt werden – ganz unabhängig von ihrer antidepressiven Wirkung. Beim Reizdarmsyndrom kann ihre schmerzlindernde Wirkung vorteilhaft sein.11

Eine weitere ganz einfache Maßnahme, die sowohl gegen Angststörungen als auch gegen Reizdarmbeschwerden wirksam ist, ist körperliche Aktivität. Ein möglicher Grund dafür ist, dass sich Sport für den Körper in gewisser Hinsicht ähnlich anfühlt wie Angst: Der Atem beschleunigt sich und das Herz rast. Das kann den Lernprozess, mit den Symptomen der Angststörung besser umzugehen, unterstützen. Deswegen kann es Menschen mit Angststörung und Reizdarmsyndrom helfen, sich regelmäßig sportlich zu betätigen.1213

Zusammenfassung

Angst löst komplexe Vorgänge im menschlichen Körper aus, die von der Amygdala gesteuert werden. Davon ist auch die Verdauung betroffen. Angst spielt deshalb eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung des Reizdarmsyndroms. Die wichtigsten Bestandteile der Behandlung von Angststörungen sind Psychotherapie und antidepressive Medikamente. Diese beiden Therapien können sich auch positiv auf das Reizdarmsyndrom auswirken.

  1. Davis M. The role of the amygdala in fear and anxiety. Annu Rev Neurosci. 1992;15:353-375. doi:10.1146/annurev.ne.15.030192.002033
  2. Bandelow B, Lichte T, Rudolf S, Wiltink J, Beutel ME. The German guidelines for the treatment of anxiety disorders. Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci. 2015;265(5):363-373. doi:10.1007/s00406-014-0563-z
  3. Garakani A, Win T, Virk S, Gupta S, Kaplan D, Masand PS. Comorbidity of irritable bowel syndrome in psychiatric patients: a review. Am J Ther. 2003;10(1):61-67. doi:10.1097/00045391-200301000-00014
  4. Michalsen VL, Vandvik PO, Farup PG. Predictors of health-related quality of life in patients with irritable bowel syndrome. A cross-sectional study in Norway. Health Qual Life Outcomes. 2015;13:113. doi:10.1186/s12955-015-0311-8
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  6. Lackner JM, Gudleski GD, Ma C-X, Dewanwala A, Naliboff B, Representing the IBSOS Outcome Study Research Group. Fear of GI symptoms has an important impact on quality of life in patients with moderate-to-severe IBS. Am J Gastroenterol. 2014;109(11):1815-1823. doi:10.1038/ajg.2014.241
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  8. Gibbons CH. Basics of autonomic nervous system function. Handb Clin Neurol. 2019;160:407-418. doi:10.1016/B978-0-444-64032-1.00027-8
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  10. Locke GR, Weaver AL, Melton LJ, Talley NJ. Psychosocial factors are linked to functional gastrointestinal disorders: a population based nested case-control study. Am J Gastroenterol. 2004;99(2):350-357. doi:10.1111/j.1572-0241.2004.04043.x
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Dr. med. Andre Sommer

Dr. med. Andre Sommer

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