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Trinknahrung – Astronautenkost bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen

Dr. med. Andre Sommer

Dr. med. Andre Sommer

Trinknahrung ist ein wichtiger Bestandteil der Ernährungstherapie. In der Medizin findet sie meist Anwendung, um Mangel- und Unterernährung vorzubeugen oder zu behandeln, weil die flüssige Nahrung meist viele Kalorien enthält. Trinknahrung wird auch in der Therapie von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen eingesetzt.


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Wann kommt Trinknahrung zum Einsatz?

Trinknahrung wird eingesetzt, wenn Patienten einen erhöhten Nährstoffbedarf haben. Auch wenn eine Mangel- und Unterernährung oder Kau- und Schluckstörungen vorliegen, können Betroffene auf Trinknahrung zurückgreifen. Es gibt auch Trinknahrung mit wenig Kalorien, die als Mahlzeitenersatz zum Abnehmen verwendet wird. Solche niedrigkalorische Trinknahrung ist im medizinischen Kontext aber eher unbedeutend.

In folgenden Situationen beziehungsweise bei folgenden Krankheitsbildern kann eine Therapie mit Trinknahrung nötig sein:

  • schwere Infektionen und Verletzungen
  • Kau- und Schluckstörungen
  • nach Operationen
  • chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
  • Kurzdarmsyndrom
  • Stoffwechselerkrankungen
  • mehrere Nahrungsmittelallergien
  • chronische Lebererkrankungen
  • Niereninsuffizienz
  • Krebserkrankungen

Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn kommt es häufig zu Untergewicht und Nährstoffmangel. Auch bei schweren Verläufen der Colitis ulcerosa wird eine Ernährungstherapie mit Trinknahrung empfohlen.


Die erste Trinknahrung wurde für die Raumfahrt entwickelt. Trinknahrung wird daher umgangssprachlich auch “Astronautenkost” genannt. Seit ihrer ursprünglichen Entwicklung wurde die Trinknahrung jedoch stark verändert und an verschiedene medizinische Anforderungen angepasst.


Warum wird Trinknahrung bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen eingesetzt?

Bei akuten Krankheitsschübe von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen kommt es häufig zu Appetitlosigkeit, Schmerzen und starken Durchfällen. Als Folge dessen nehmen viele Betroffene weniger Nahrung zu sich und die Nährstoffaufnahme im Darm ist vermindert. Gleichzeitig ist durch den akuten Schub der Grundumsatz erhöht und es wird mehr Energie verbraucht.

Untergewicht und Mangelernährung sind daher ein großes Problem bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, vor allem bei Morbus Crohn. Aus diesem Grund erhalten einige Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen Trinknahrung.

Je nach Ausbreitung der Erkrankung kann es auch zu Mangelerscheinungen kommen. Besonders oft fehlen Vitamin B12, Folsäure und Zink. Bei starken Durchfällen mangelt es außerdem an Kalium, Magnesium, Kalzium und Phosphat. Auch ein Vitamin D-Mangel ist häufig. Vor allem bei Kindern können Wachstumsverzögerungen als Folge der Mangelernährung auftreten. Bei älteren Patienten ist das Risiko, an Osteoporose zu erkranken, erhöht.

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Wie wirkt sich Trinknahrung auf den Krankheitsverlauf aus?

Studien haben gezeigt, dass eine Ernährungstherapie den Heilungsprozess bei Morbus Crohn unterstützen kann und symptomfreie Phasen, sogenannte Remissionsphasen, verlängert. Für Patienten mit Colitis ulcerosa wurden keine Auswirkungen auf Heilungsprozess und Remissionserhalt festgestellt. In beiden Fällen sollte eine Ernährungstherapie erfolgen, wenn Untergewicht und Mangelernährung zu Komplikationen führen.

Wann wird Trinknahrung verschrieben?

Bevor es zum Einsatz von Trinknahrung kommt, wird zunächst die normale Ernährung angepasst. Sie soll den speziellen Nährstoff-Anforderungen der jeweiligen Erkrankung gerecht werden. Falls eine entsprechende Anpassung der Ernährung nicht möglich ist oder nicht den gewünschten Effekt erzielt, wird Trinknahrung als nächste Maßnahme in der Ernährungstherapie eingesetzt.

Bevor Trinknahrung verordnet wird, muss der persönliche Nährstoffbedarf des Patienten ermittelt werden. Bei einem leicht erhöhten Bedarf kommt sogenannte normokalorische Trinknahrung zum Einsatz. Diese enthält etwa genauso viele Kalorien wie normale Kost. Ist der Bedarf an Energie stark erhöht, wird hochkalorische Trinknahrung verschrieben.

Bei einigen Krankheitsbildern werden die Nährstoffe speziell auf die Krankheit zugeschnitten. Je nach Zustand wird Flüssignahrung zusätzlich zur normalen Kost verordnet oder die Ernährung wird komplett auf Trinknahrung umgestellt.

Normalerweise sind Nahrungsergänzungsmittel nicht in den Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen enthalten. Bei einigen Krankheitsbildern übernehmen die Krankenkassen die Kosten jedoch. Ärzte können dann bestimmte hochkalorische und normokalorische Produkte verschreiben.

Wie viel Kalorien sind in Trinknahrung enthalten?

Je nach Anzahl der Kalorien pro Milliliter wird zwischen niedrigkalorischer, normokalorischer und hochkalorischer Trinknahrung unterschieden. Sie enthalten die folgende Energiedichte:

  • niedrigkalorisch: bis zu 0,9 kcal/ml
  • normokalorisch: 1 kcal/ml
  • hochkalorisch: mehr als 1,1 kcal/ml

Es gibt außerdem sehr hochkalorische Trinknahrung mit bis zu 5 kcal/ml, die in Trinkflaschen mit 120 ml Inhalt angeboten wird. Insgesamt werden dann mit einer Trinkflasche bereits 600 Kalorien aufgenommen. Zum Vergleich: Die gleiche Menge Orangensaft hat einen Energiegehalt von 48 Kalorien. Selbst Vanilleeis kommt nur auf circa 165 Kalorien pro 120 ml. Um Gewicht zuzunehmen, werden pro Tag oftmals circa 1000 Kalorien zusätzlich eingeplant. Damit kann ein durchschnittlicher Patient eine Gewichtszunahme von einem Kilogramm pro Woche erzielen.

Der Großteil der Energie wird in Form von Fett eingenommen. Damit die großen Fettmengen den Darm nicht belasten, enthalten viele Produkte mittelkettige Fettsäuren (MCT). Diese kann der Körper verhältnismäßig leicht aufnehmen.

Was sind Alternativen zur Trinknahrung?

Bei der Trinknahrung nehmen die Patienten weiterhin Nahrung über den natürlichen Weg zu sich, nämlich über Mund, Rachen und den Magen-Darm-Trakt. Ist das nicht möglich, erhält der Patient seine Kalorienzufuhr oftmals über eine Magensonde (enterale Ernährung). Dabei wird in den meisten Fällen ein Schlauch über die Nase in den Magen gelegt (transnasal). Der natürliche Weg der Nahrung über den Magen-Darm-Trakt (enteraler Weg) bleibt weitgehend erhalten. Nur Mund und Rachen werden ausgespart.

Durch die enterale Ernährung gelangt Nahrung in den Körper, die bereits in ihre Bestandteile zerlegt wurde. Die Nährstoffe können so schon im oberen Darmabschnitt vollständig aufgenommen werden und der restliche Verdauungsapparat wird entlastet. Dadurch können Patienten diese Nahrung besonders leicht aufnehmen.

Wann wird Trinknahrung und wann eine Magensonde empfohlen?

Eine Ernährungstherapie trägt dazu bei, ein normales Körpergewicht beizubehalten und dem Körper ausreichend Nährstoffe zur Verfügung zu stellen. Falls feste Nahrung den Energiebedarf bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen nicht ausreichend decken kann, fällt die Wahl auf Trinknahrung oder die Ernährung über eine Magensonde.

Wenn eine zusätzliche Energiezufuhr von weniger als 600 Kalorien pro Tag erforderlich ist, wird Trinknahrung eingesetzt. Bei einer zusätzlich nötigen Energiezufuhr von mehr als 600 Kalorien pro Tag ist in der Regel die Ernährung über eine Magensonde am besten geeignet.

Welche Trinknahrung wird bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen empfohlen?

Derzeit wird meist hochmolekulare Trinknahrung empfohlen, um die Verdauungsarbeit des Darms nicht zu unterdrücken. “Hochmolekular” bedeutet, dass die Nahrungsbestandteile noch nicht aufgespalten wurden. Viele Anbieter spezieller Trinknahrung bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen bieten zudem niedermolekulare Präparate an. In diesen Produkten sind die Nährstoffe bereits in ihre Bestandteile aufgespalten.

Es gibt auch andere Präparate mit einem hohen Anteil mittelkettiger Fettsäuren, die der Körper gut aufnehmen kann. Außerdem enthalten einige Präparate entzündungshemmende Zusätze wie Glutamin oder TGF-beta. Allerdings konnten Studien bisher keine nennenswerten Vorteile einer solchen Zusammensetzung finden.


Untergewicht kann viele Ursachen haben. Welche Trinknahrung eingesetzt werden soll hängt von dieser Ursache ab. Wenn Trinknahrung jedoch ausschließlich verwendet wird, um Gesicht zuzunehmen, sind grundsätzlich alle hochkalorischen medizinischen Trinknahrungsprodukte geeignet.


Hilft niedrigkalorische Trinknahrung beim Abnehmen?

Bei Patienten mit starkem Übergewicht (Adipositas) wird der Einsatz niedrigkalorischer Trinknahrung zum Abnehmen erprobt. Allerdings scheitert die Umsetzung häufig, da das Kauen zum Genießen einer Mahlzeit dazugehört. Darauf möchten viele Betroffene nicht langfristig verzichten. Außerdem fördert Kauen das Sättigungsgefühl und steuert so das Essverhalten. Wer sich ausschließlich von Trinknahrung ernährt und diese nicht genau bemisst, nimmt mehr Nahrung zu sich und verspürt dennoch ein geringeres Sättigungsgefühl.

Welche Arten von Trinknahrung gibt es?

Wie der Name bereits vermuten lässt, hat Trinknahrung eine flüssige oder leicht breiige Form oder wird als Pulver mit etwas Flüssigkeit angerührt. Proteine, Kohlenhydrate, Fette und Mikronährstoffe sind genau bedarfsgerecht enthalten. Typische Bestandteile sind Wasser oder Milch, Speiseöl, modifizierte Stärke, hydrolisiertes Protein, künstliche Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, Farbstoffe und Konservierungsstoffe.

Welche Geschmacksrichtungen von Trinknahrung gibt es?

Herzhafte Trinknahrung erinnert vom Geschmack her an Suppe. Meist sind auch Bestandteile wie püriertes Gemüse, das ja häufig in Suppen verwendet wird, vorhanden. Das Geschmackserlebnis ist jedoch nicht mit einer frischen Suppe zu vergleichen.

Viele bevorzugen daher süße Trinknahrung. Hier ist es leichter, ein normales Geschmackserlebnis zu erzeugen. Das liegt daran, dass viele süße Lebensmittel wie Eis, Pudding oder Fruchtjoghurt sowieso schon in leicht flüssiger Konsistenz vorliegen. Außerdem ist Zucker ein guter Energieträger. Meist ist der Geschmack von süßer Trinknahrung fruchtig oder milchig. Beliebte Sorten sind Schokolade, Vanille oder Erdbeere. Spezielle Geschmacksrichtungen entstehen durch die Zugabe eines Aromas.

Wo kann man Trinknahrung kaufen?

Trinknahrung ist in der Apotheke und in verschiedenen Drogeriemärkten und Supermärkten erhältlich. Beim Kauf sollte man darauf achten, dass es sich um ein medizinisches Produkt handelt, das auf die persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Falls ein Arzt die Trinknahrung verordnet, übernehmen auch gesetzliche Krankenkassen die Kosten.

Zusammenfassung

Insgesamt wird Mangelernährung mit einem deutlich stärkeren Krankheitsverlauf und einer reduzierten Lebensqualität in Verbindung gebracht. Einem solchen ungünstigen Verlauf können zusätzliche Kalorien in Form von Trinknahrung entgegenwirken.

Bischoff S, Koletzko B, Lochs H, Meier R, und das DGEM Steering Committee. S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für klinische Ernährung der Schweiz (GESKES), der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für klinische Ernährung (AKE) und der Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS). Aktuel Ernahrungsmed. 2014;39(03):e72-e98. doi:10.1055/s-0034-1370084

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Dr. med. Andre Sommer

Dr. med. Andre Sommer

Ich arbeite als Arzt in Berlin. Zusammen mit einem Team aus MedizinerInnen, PsychologInnen und ErnährungsberaterInnen haben wir neben dieser Seite eine App zur Darmgesundheit entwickelt, die Betroffene ganzheitlich begleitet.

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