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Vorsicht vor IgG-Test auf Lebensmittelintoleranzen – Angstmache und Abzocke

Dr. med. Andre Sommer

Dr. med. Andre Sommer

IgG-Tests erleben einen Boom. Auf dem Gebiet der Nahrungsmittelunverträglichkeiten erscheinen ständig neue Produkte auf dem Markt. Denn mehr als 15 Prozent der Deutschen haben eine Nahrungsmittelunverträglichkeit. Noch größer ist die Zahl von Menschen, die vermuten, an einer unerkannten Unverträglichkeit zu leiden. Ihre Lebensqualität ist durch körperliche Beschwerden häufig stark eingeschränkt. Sie leiden unter Symptomen wie etwa Blähungen, Durchfällen, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Hautproblemen und Müdigkeit und finden keine zufriedenstellenden Ursachen für die Symptome.


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Dubiose Anbieter machen sich die Verzweiflung der Betroffenen zunutze und bieten eine scheinbar einfache, aber teure Lösung an. Anhand weniger Tropfen Blut, die man sich selbst zuhause entnimmt, versprechen sie, Unverträglichkeiten gegen hunderte Lebensmittel aus der Ferne zu erkennen. Tests für zu Hause, allen voran der sogenannte IgG-Test, sind jedoch mit großer Vorsicht zu genießen. Denn zur Diagnose einer Nahrungsmittelunverträglichkeit ist der IgG-Test nicht geeignet.

“Experten und Mediziner sind sich einig: zur Diagnose einer Nahrungsmittelunverträglichkeit ist der IgG-Test nicht geeignet!“, sagt Prof. Dr. med. Stefan Lüth, Klinikdirektor, Chefarzt und Ärztlicher Leiter der Klinik für Gastroenterologie, Diabetologie und Hepatologie am Städtischen Klinikum Brandenburg.

Was untersucht der IgG-Test?

Der IgG-Test untersucht, ob sich im Blut des Patienten bestimmte Antikörper befinden. Diese Antikörper werden von Fachleuten als „Immunglobuline“ (Ig) bezeichnet. Das IgG (Immunglobulin G) ist eine spezielle Form dieser Antikörper. Das Immunsystem bildet Antikörper, um schädliche von unschädlichen Stoffen zu unterscheiden.

Die Bildung von IgG-Antikörpern ist ein ganz natürlicher Vorgang in unserem Körper. IgG-Antikörper werden gegen fast alle Lebensmittel gebildet, die mit unserem Darm wiederholt in Berührung kommen. Aus dem Grund findet man bei Kranken und Gesunden sehr viele IgG-Antikörper im Blut – das hat keinen Krankheitswert.

„Zu uns kommen täglich Patienten in die Praxis, die ihre Ernährung auf Basis von IgG-Tests erheblich eingeschränkt haben und gleichzeitig hunderte Euro ärmer sind. Häufig trauen sich die Patienten kaum noch etwas zu essen und ernähren sich entsprechend viel zu einseitig. In der Behandlung stellt sich dann heraus, dass viele der weggelassenen Lebensmittel sehr wohl vertragen werden.“, André Sommer, ärztlicher Leiter von Cara Care.

Wie funktioniert der IgG-Test?

Der IgG-Test untersucht eine Form von Antikörpern, die als Immunglobulin G bezeichnet werden. Manchmal wird auch eine Unterform davon, das sogenannte IgG4, bestimmt. Die Hersteller der Tests versprechen, dass der IgG-Test Nahrungsmittelunverträglichkeiten feststellen kann. Sie argumentieren, dass der Test bestimmte Formen der IgG-Antikörper erkennt, die gegen Nahrungsmittel gerichtet sind. Dabei soll es sich um eine krankhafte Reaktion des Immunsystems handeln, die zum Auftreten der Nahrungsmittelunverträglichkeit führt.

Ist der IgG-Test verlässlich?

Viele Anbieter bewerben ihre IgG-Tests als den Weg, um „schnell und sicher“ zu erfahren, welche Nahrungsmittel man verträgt und welche nicht. Ein Versprechen, das verlockned ist und viele Patienten dazu bewegt, die teuren Tests zu bestellen.

Wie heißt das Angebot? IgG- und IgG4 Tests
Was versprechen die Tests? Schnell und sicher Nahrungsmittelunverträglichkeiten festzustellen
Wie hoch sind die Kosten? ca. 90 – 450 Euro
Was sagen Ärzte? Test hat keinerlei diagnostischen Wert für Unverträglichkeiten und Allergien

Doch Ärzte bemängeln seit Jahren die Verlässlichkeit der IgG-Tests. Und Untersuchungen zeigen: oftmals sind die Ergebnisse rein zufällig und geben keinen Aufschluss darüber, ob tatsächlich eine Unverträglichkeit vorliegt.

„Die Versprechen von den Anbietern sind zu schön, um wahr zu sein. Patienten sollten sich fragen, warum Krankenkassen keinen Cent für den Test bezuschussen und stattdessen viel teurere ärztliche Diagnostik und zertifizierte Ernährungsberatung bezahlen.“, André Sommer

Wieso kritisieren Ärzte den IgG-Test?

Ärzte und andere Fachleute zweifeln stark an der Aussagekraft der IgG-Tests. Sie halten die Tests für ungeeignet, Nahrungsmittelunverträglichkeiten sicher festzustellen. Um die Kritik zu verstehen ist es wichtig, die Grundlagen der Unverträglichkeiten zu kennen.

Welche Arten von Nahrungsmittelunverträglichkeiten gibt es?

Mediziner unterschieden zwei Arten der Unverträglichkeiten: 1. die immunologisch bedingte (allergische) Intoleranz und 2. die nicht-immunologisch bedingte (nicht-allergische) Intoleranz.

  1. Bei der immunologischen Intoleranz spielt ein weiterer Antikörper, das Immunglobulin E (IgE), die entscheidende Rolle. Es vermittelt die allergische Reaktion auf ein Nahrungsmittel und kann sicher im Blut nachgewiesen werden. Deshalb wird ein IgE-Allergietest von vielen Allergologen durchgeführt, um eine Nahrungsmittelallergie nachzuweisen, die jedoch sehr selten vorliegt. Ein IgE-Test wird bei begründetem Verdacht von den Krankenkassen erstattet.
  2. Die nicht-immunologische Intoleranz hingegen ist schwerer festzustellen, da IgE nicht vermehrt vorkommt. Ärzte und Ernährungsberater verlassen sich deshalb auf eine Kombination aus sorgfältiger Anamnese, Ernährungstagebuch, Diätversuchen und Provokationstests.

IgG-Tests versprechen, genau diese nicht-immunologischen Intoleranzen sicher zu erkennen.

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Kann der IgG-Test nicht-allergische Unverträglichkeiten erkennen?

Nein. Der IgG-Test weist Antikörper gegen Nahrungsbestandteile nach. Die Hersteller der Tests behaupten, das Vorhandensein dieser Antikörper sichere das Vorliegen einer Unverträglichkeit gegen den entsprechenden Nahrungsbestandteil. Dabei kann es sich beispielsweise um Roggen, Ei, Mais oder Weizen handeln.

Führende Allergieforscher sind sich einig: es gibt keinen Hinweis dafür, dass allein das Vorhandensein von IgG-Antikörpern gegen Nahrungsbestandteile eine Unverträglichkeit beweist. Die Produktion von IgG gegen Bestandteile der aufgenommenen Nahrung ist eine natürliche Reaktion des Immunsystems. Sie gilt als Teil der natürlichen Schutzfunktion des Körpers. Und in den allermeisten Fällen liegt keine Unverträglichkeit vor, auch wenn im Blut IgG gegen ein bestimmtes Nahrungsmittel vorhanden sind.

Was bedeutet das für die IgG-Tests?

Für Patienten bedeutet das: Achtung vor IgG-Tests aus dem Internet. Die Tests sind meist teuer und können nicht halten, was sie versprechen. Ein Anbieter, der damit wirbt, sein IgG-Test sei „sicher und zuverlässig“ ignoriert mit dieser Aussage die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien und Petitionen der deutschen und europäischen Allergiegesellschaften und täuscht Patienten. Die Gesellschaften sprechen sich deutlich gegen den Einsatz der IgG-Tests aus.

„Einfach gesagt misst ein IgG-Test einfach nur, was man die letzten Tage gegessen hat. Mit Intoleranzen hat das sehr wenig zu tun.“, André Sommer.

Oft stellen Patienten als Reaktion auf den Test ihre Ernährung um. In einigen Fällen wird dadurch sogar eine Besserung der Beschwerden erreicht. Das liegt allerdings nicht daran, dass der IgG-Test tatsächlich ein unverträgliches Nahrungsmittel identifiziert hat. Vielmehr kommen solche vermeintlich positiven Ergebnisse durch die große Willkür der Tests und einen Placebo-Effekt zustande.

Nehmen wir beispielsweise einen IgG-Test, der eine Unverträglichkeit auf Weizen, Roggen, Ei, Milchprodukte, Mais und Gerste ergibt. Lässt man als Patient nun im Rahmen einer Eliminationsdiät all diese Nahrungsbestandteile aus, so kann es durchaus sein, dass es zu einer Besserung der Beschwerden kommt. Denn einige dieser Nahrungsmittel zählen zu den häufigsten Verursachern von Unverträglichkeiten.

Allerdings wird der Patient so nie erfahren, welches Nahrungsmittel tatsächlich für die Beschwerden ursächlich war. Vielmehr wird er seine Ernährung einschränken und all diese Nahrungsmittel weiterhin auslassen. Obwohl in Wahrheit wohlmöglich nur eines oder keins der Nahrungsmittel für die Beschwerden ursächlich war.

Die Wissenschaftler bemängeln, dass durch die Tests eine große Willkür entsteht. Patienten verzichten auf viele Nahrungsmittel, die sie eigentlich gut vertragen. Dadurch kann es zu ausgeprägten Vitamin- und Mineralstoffmangel und Mangelernährung kommen.

Zudem spielen die hohen Kosten der Tests eine Rolle. In Verbindung mit der geringen Aussagekraft sind sie der Anlass dafür, dass IgG-Tests von vielen Fachleuten als „Geldmache“ bezeichnet werden.

Fazit


IgG Tests erfreuen sich aktuell großer Popularität und sind ein Millionengeschäft. Doch führende Allergieforscher sind sich einig: eine verlässliche Aussage erlauben die Tests nicht. Sie sind teuer und willkürlich und ersetzen keine gründliche Diagnostik. Für Patienten gilt deshalb: Nicht von Werbeversprechen täuschen lassen und bei den IgG-Tests für zu Hause lieber Vorsicht walten lassen.

Eine Nahrungsmittelunverträglichkeit lässt sich nicht durch einfache IgG-Tests für zuhause bestätigen. Sie muss in Stufen und meist über mehrere Wochen diagnostiziert werden. Den Grundstein bilden hierbei Ernährungstagebücher, Eliminationsdiäten im Rahmen einer Ernährungsberatung und eine ausführliche ärztliche Diagnostik. Nur diese wirksamen und wissenschaftlich validierten Methoden werden von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet, sofern ein ärztlicher Verdacht auf eine Unverträglichkeit besteht.

Nicht verwechseln: Eine Nahrungsmittelallergie kann nur mit einem IgE-Test beim Allergologen nachgewiesen werden.

Stapel, S. O., Asero, R., Ballmer‐Weber, B. K., Knol, E. F., Strobel, S., Vieths, S., & Kleine‐Tebbe, J. (2008). Testing for IgG4 against foods is not recommended as a diagnostic tool: EAACI Task Force Report. Allergy63(7), 793-796. Online abgerufen am 02. April 2018 unter https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18489614

Kleine-Tebbe, J., Reese, I., Ballmer-Weber, B. K., Beyer, K., Erdmann, S., Fuchs, T., … & Jappe11, U. (2009). Keine Empfehlung für IgG-und IgG4-Bestimmungen gegen Nahrungsmittel. Allergo J18, 267-73. Online abgerufen am 02. April 2018 unter http://www.oegai.org/html/docs/Leitliinie_IgG_Satz.pdf

Kleine-Tebbe, J., Lepp, U., Niggemann, B., & Werfel, T. (2005). Nahrungsmittelallergie und-unverträglichkeit: Bewährte statt nicht evaluierte Diagnostik. Dtsch Arztebl102(27).

Kleine-Tebbe, J., & Herold, D. A. (2010). Ungeeignete Testverfahren in der Allergologie. Der Hautarzt61(11), 961-966.

Dr. med. Andre Sommer

Dr. med. Andre Sommer

Ich arbeite als Arzt in Berlin. Zusammen mit einem Team aus Ärzten, Psychologen und Ernährungsberatern haben wir neben dieser Seite wir eine App zur Darmgesundheit entwickelt, die Betroffene ganzheitlich begleitet. Lade die Cara Care-App jetzt kostenlos herunter.

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