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Salicylatintoleranz – Unverträglichkeit von Salicylsäure

Dr. med. Andre Sommer

Dr. med. Andre Sommer

Salicylsäure und ihre Salze, die Salicylate, sind Naturstoffe, die in vielen Lebensmitteln vorkommen. Auch in einigen Medikamenten ist dieser Wirkstoff enthalten. Bei einigen Menschen kommt es nach der Einnahme von Salicylaten zu Reaktionen, die denen einer Allergie ähneln. Wie eine Salicylatintoleranz zustande kommt, wie man sie erkennt und wie sie behandelt wird, erfährst du hier.


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Was sind Salicylate?

Salicylate sind die Salze der Salicylsäure. Dabei handelt es sich um eine Säure, die von Pflanzen produziert wird, um sich vor Schädlingen zu schützen. Denn diese Säure hat eine antimikrobiellen Wirkung.

In der Medizin findet ein Reaktionsprodukt der Salicylsäure, die Acetylsalicylsäure (ASS) weitreichend Anwendung. Sie ist besser unter dem Handelsnamen Aspirin bekannt und wirkt entzündungshemmend, schmerzstillend und hemmt die Blutplättchen (Thrombozyten), die Blutgerinnsel bilden.. Auch in vielen Kosmetika sind geringe Konzentrationen von bis zu zwei Prozent Salicylsäure enthalten. In Konzentrationen von bis zu fünf Prozent wird Salicylsäure als Medikament gegen Akne eingesetzt.

Wie kommt es zu einer Salicylatintoleranz?

Um die Auslöser einer Salicylatintoleranz zu verstehen, ist es wichtig, die Wirkungen von Salicylaten im Körper zu kennen. Salicylate haben Einfluss auf den sogenannten Arachidonsäure-Eikosanoid-Stoffwechsel. Dabei handelt es sich um einen Stoffwechselweg, der für den Körper wichtig ist, um Vorgänge wie Entzündungen, oder Überempfindlichkeitsreaktionen (Hypersensitivität) zu vermitteln. Salicylate hemmen Teile dieses Stoffwechselweges. In der Medizin macht man sich das zunutze, um zum Beispiel durch ASS Entzündungsreaktionen zu mildern, Fieber zu senken und die Blutplättchenaktivierung zu hemmen.

Bei Personen mit einer Salicylatintoleranz kommt es zu einer Überreaktion des Körpers auf Salicylate, die man als Unverträglichkeitsreaktion bezeichnet. Die Symptome, die sich aus einer solchen Reaktion ergeben, ähneln denen vieler Allergien. Je nachdem, ob die Symptome durch Medikamente oder Nahrungsmittel hervorgerufen werden, spricht man von einer Medikamentenunverträglichkeit oder einer Nahrungsmittelunverträglichkeit.

Erfahre mehr: Expertenwissen über den Arachidonsäure-Eikosanoid-Stoffwechsel

Arachidonsäure ist ein wichtiger Ausgangsstoff für Botenmoleküle (Zytokine). Arachidonsäure kann von unterschiedlichen Enzymen zu zwei unterschiedlichen Produkten weiterverarbeitet werden. Das erste Enzym ist die sogenannte Lipoxygenase (LOX). Ihre Reaktionsprodukte, die Leukotriene, vermitteln Immunreaktionen und spielen eine wichtige Rolle bei Allergien. Leukotriene sind beispielsweise für das Zusammenziehen der Bronchien beim Asthma bronchiale verantwortlich. Das zweite Enzym, von dem einige Unterformen existieren, wird als Cyclooxygenase (COX) bezeichnet. Das Produkt ihrer Reaktion sind unter anderem die Prostaglandine und Thromboxane. Prostaglandine fördern die Entzündungsreaktion des Körpers und sind an der Entwicklung von Fieber beteiligt. Thromboxane wirken auf die Blutplättchen (Thrombozyten) und fördern die Bildung von Blutgerinnseln..

Salicylate sind wirkungsstarke Hemmer der Cyclooxygenasen. Nimmt man Salicylate ein, wird die Produktion von Prostaglandinen und Thromboxanen verhindert – und damit also auch die Wirkungen, die diese Enzyme vermitteln. In der Medizin macht man sich das zunutze, um zum Beispiel durch ASS Entzündungsreaktionen zu mildern, Fieber zu senken und die die Verklumpung von Blutplättchen zu hemmen.

Wie genau die Salicylatintoleranz vermittelt wird ist noch nicht ganz aufgeklärt. Da die Cyclooxygenasen COX) von Salizylat gehemmt werden, fällt durch die Aufnahme von Salicylat vermehrt Arachidonsäure an. Eine Theorie vermutet, dass die vermehrte Arachidonsäure dann umso mehr von Lipooxygenasen (LOX) zu Leukotrienen verarbeitet werden, die Immunzellen aktivieren könneng. Es kommt zu einer Überaktivierung von vielen Immunzellen, zum Beispiel von Leukozyten (weiße Blutkörperchen), Mastzellen (spezielle Abwehrzellen), Thrombozyten (Blutplättchen) und Lymphozyten (Zellen des erworbenen Immunsystems). Diese Überaktivierung und deren Folgen wird als Pseudo-Allergie bezeichnet. Das gesamte Krankheitsbild ist die Salicylatintoleranz.

Gibt es Zusammenhänge zwischen Salicylatintoleranz und dem Reizdarmsyndrom?

In Studien konnte gezeigt werden, dass Patienten, die unter einem Reizdarmsyndrom leiden, auch häufiger an einer Salicylatintoleranz erkrankt sind als andere. Oftmals bleibt aber die Empfindlichkeit auf Salicylate bei Reizdarm-Patienten unentdeckt, da andere Auslöser im Vordergrund stehen. Verzichtet ein Patient mit Reizdarmsyndrom auf salicylathaltige Produkte, kann das helfen, seine Beschwerden zu lindern. Es empfiehlt sich, ein Ernährungstagebuch zu führen, um genau identifizieren zu können, welche Nahrungsmittel Beschwerden hervorrufen. Auch auf die Einnahme von Medikamenten sollte genau geachtet werden. Verschlimmern sich die Reizdarmsymptome beispielsweise nach der Einnahme von Aspirin, so besteht die Möglichkeit, dass eine Salicylatintoleranz für viele der Beschwerden verantwortlich ist.

In welchen Lebensmitteln kommen Salicylate vor?

Viele Pflanzenarten produzieren Salicylate – in ganz unterschiedlichen Mengen. Da Salicylate Abwehrstoffe der Pflanze sind, entscheiden auch die Anbaubedingungen über den Salicylatgehalt. Bio-Produkte, die in der Regel ohne Pflanzenschutzmittel angebaut werden, können einen höheren Salicylatgehalt als mit Pestiziden behandeltes Obst oder Gemüse enthalten, weil sie einer höheren Schädlingsbelastung widerstehen müssen (Salicylat ist auch ein Abwehrstoff gegen Schädlinge). Da sich Salicylate am häufigsten unter der Schale von Obst und Gemüse sammeln, kann schon Schälen helfen, die Menge an Salicylaten deutlich zu reduzieren. Auch Einlegen in Wasser über längere Zeit (30–60 Minuten) hilft, Salicylate auszuwaschen. (Allerdings gehen hierbei auch Vitamine und Mineralstoffe verloren.) All diese Tipps basieren allerdings nicht auf wissenschaftlichen Studien, ihre Wirksamkeit ist also nicht nachgewisen.

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Besonders salicylathaltige Lebensmittel

Lebensmittelgruppe: Beispiele:
Gewürze Curry, Kurkuma, Paprikapulver, Zimt, schwarzer Pfeffer, Anis, Senf, Ingwer
Kräuter Basilikum, Oregano, Salbei
Gemüse Champignon, Tomate, Chi­co­rée-Salat, Radieschen
Früchte Orange, Ananas, Dattel, Traube, Aprikose, Kirsche, Pflaume, Mandarine
Beeren Himbeere, Heidelbeere, Johannisbeere, Cranberries
Weitere Schwarzer Tee, Pfefferminze, Oliven, Olivenöl, Lebensmittel mit Pfefferminz- oder Mentholgeschmack, Likör, Wein, Rum

Auch in vielen Kosmetikprodukten, zum Beispiel in Sonnencremes, Rasierschaum, Shampoos und Duschgelen, sind Salicylate enthalten.

Was sind die Symptome einer Salicylatintoleranz?

Die Hauptsymptome einer Salicylatintoleranz betreffen den Atmungstrakt. Bis zu dreißig Prozent der Betroffenen leiden unter einer sogenannten Polyposis nasi. Dabei handelt es sich um eine chronische Entzündung der Nasenschleimhaut, auf die der Körper mit der Bildung von gutartigen Gewebewucherungen (Polypen) reagiert. Durch die Entzündung und die Polypen kann es zu einem Riechverlust kommen, die Atmung durch die Nase kann erschwert sein und es können Kopfschmerzen auftreten.

Etwa zehn Prozent der Salicylatintoleranz-Patienten leiden unter Asthma bronchiale.

Auch im Bereich der Haut und im Magen-Darm-Trakt können Beschwerden bei einer Salicylatintoleranz auftreten. Auf der Haut kommt es zu Bildung von Quaddeln (Urtikaria); gleichzeitig können sich eine Hautrötung und Juckreiz ausbilden. Eine Folge der Salicylatintoleranz kann außerdem eine chronische Darmentzündung sein. Anzeichen dafür sind vermehrte Durchfälle.

Wie stellt der Arzt die Diagnose Salicylatintoleranz?

Eine ausführliche Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese) spielt eine große Rolle in der Diagnostik der Salicylatintoleranz. Der zeitliche Zusammenhang zwischen Aufnahme bestimmter Nahrungsmittel und dem Auftreten der Beschwerden kann wichtige Hinweise auf das Vorliegen dieser Unverträglichkeit liefern.

Sobald der Verdacht besteht, es könne eine Salicylatintoleranz bestehen, kann der Arzt sogenannte Provokationstests durchführen. Dabei wird dem Patienten ASS (Handelsname Aspirin) als Tablette (oral) oder über die Nase (nasal) verabreicht. Anschließend wird beobachtet, ob und wie schnell die typischen, allergie-ähnlichen Reaktionen auftreten. Wichtig ist, dass nur ein erfahrener Arzt diesen Provokationstest durchführt. Denn sollten starke Reaktionen, wie Asthma bronchiale, auftreten, müssen diese umgehend behandelt werden.
Diese Methode hilft, schnell auftretende Intoleranzreaktionen zu identifizieren. Allerdings ist ihre Aussagekraft bezüglich langfristiger Entwicklungen, beispielsweise im Hinblick auf die Bildung von Nasenpolypen, nur begrenzt. In dem Fall stehen dem Arzt weitere diagnostische Mittel zur Verfügung: Er kann mithilfe einer Computertomografie (CT) Polypen in der Nase sichtbar machen. Und er kann Gewebeproben (Biopsien) entnehmen. Diese können dann auf die Art der Entzündungsreaktion und die beteiligten Zellen untersucht werden. Außerdem kann die Lungenfunktion mithilfe einiger Tests überprüft und Veränderungen eventuell zu diagnostischen Zwecken durch Gabe von Salicylat t ausgelöst werden.

Es existieren einige Labortests, mit denen die Konzentrationen verschiedener Substanzen, zum Beispiel der Leukotriene, bestimmt werden. Diese Tests sind allerdings nicht sehr spezifisch und können sowohl falsch-positive als auch falsch-negative Ergebnisse liefern.

Wie wird eine Salicylatintoleranz behandelt?

Es gibt drei Säulen in der Therapie der Salicylatintoleranz:

  1. Verzicht auf salycilathaltige Medikamente und Lebensmmittel
  2. Operative Eingriffe
  3. Medikamentöse Behandlung

Zu 1.) Ernährungsumstellung

Eine Umstellung der Ernährung ist die effektivste Möglichkeit, die Symptome einer Salicylatintoleranz zu bekämpfen. Ganz auf salicylathaltige Lebensmittel zu verzichten, ist am besten. Aber auch schon eine Reduktion der aufgenommenen Menge an Salicylaten kann Patienten nachhaltig helfen. Auch salicylathaltige Medikamente sollten gemieden werden. (In besonders schweren Fällen sollte zudem darauf geachtet werden, auch auf Kosmetika, die Salicylate enthalten, zu verzichten.)

Zu 2.) Operative Eingriffe

Haben sich durch die Salicylatintoleranz Nasenpolypen gebildet, kann die Atmung verbessert werden, indem diese Nasenschleimhautwucherungen operativ abgetragen werden. Allerdings kommt es bei bestehender Salicylatintoleranz häufig zu sogenannten Rezidiven, das heißt, die Polypen treten anschließend erneut auf. Deshalb sollten diese Operationen immer in Verbindung mit anderen Therapien durchgeführt werden.

Zu 3.) Medikamentöse Therapie

Kurzfristige Therapie: Bei besonders schweren Reaktionen kann eine Therapie mit Corticosteroiden (Cortisol) helfen, das Ausmaß der Unverträglichkeitsreaktion in Zaum zu halten.

Langfristige Therapie: Von großer Bedeutung ist die sogenannte Inaktivierungs- oder Hyposensibilisierungstherapie, die so ähnlichAllergien zum Einsatz kommt. Dabei werden dem Patienten unter ärztlicher Aufsicht immer größere Mengen von Acetylsalicylsäure verabreicht. Oft wird mit 5 mg begonnen und auf bis zu 300 mg pro Dosis gesteigert. Diese Art der Behandlung führt dazu, dass sich der Körper an große Mengen von Salicylaten gewöhnt. In Studien wurde gezeigt, dass dadurch die Reaktionen auf Salicylate zurückgehen und Rezidive weniger häufig auftreten. Allerdings erfordert diese Art der Therapie die ständige Einnahme von sogenannten Erhaltungsdosen der Acetylsalicylsäure, weil die Effekte sonst nach ein bis zwei Wochen nachlassen können.

Eine Salicylatintoleranz wird aufgrund der unspezifischen Symptome oft nicht erkannt oder fälschlicherweise als Allergie diagnostiziert. Deshalb leiden Patienten häufig unter den Folgen einer nicht angemessenen Therapie. Es ist daher von großer Bedeutung, dass du dem Arzt deine Symptome genau beschreibst. Achte auch auf Zusammenhänge zwischen der Aufnahme bestimmter Nahrungsmittel oder der Einnahme von Medikamenten und dem Auftreten von Beschwerden. Denn wenn die Salicylatintoleranz erkannt wird, kann sie durch Ernährungsumstellung und Inaktivierungstherapie effektiv behandelt werden.

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Dr. med. Andre Sommer

Dr. med. Andre Sommer

Ich arbeite als Arzt in Berlin. Zusammen mit einem Team aus MedizinerInnen, PsychologInnen und ErnährungsberaterInnen haben wir neben dieser Seite eine App zur Darmgesundheit entwickelt, die Betroffene ganzheitlich begleitet.

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